Ute Vogt stimmt gegen die Zulassung der PID

Veröffentlicht am 08.07.2011 in Reden/Artikel

PID-Abstimmung:

Es war nicht leicht, bei diesem Thema eine Entscheidung zu treffen. Ich war von Anfang an sehr sehr skeptisch in Bezug auf PID, da ich die große Sorge habe, dass die Zulassung zu einer Auslese von Menschen führen kann. Nicht Wunschkind, sondern Kind nach Wunsch bzw. Maß könnte die Folge sein. Sehr beeindruckt hat mich, mit welchem Vertrauen und Mut mir Betroffene einen kleinen Einblick in das Leid der Familien mit Erbkrankheiten gegeben haben. Nach Abwägung aller Argumente habe ich mich aber entschieden, für ein Verbot zu stimmen. Ich befürchte einen wachsenden Druck auf Frauen, ein gesundes Kind zur Welt zu bringen und eine PID durchführen zu lassen. Frauen sollten sich nicht rechtfertigen müssen, warum sie ein Kind mit Behinderung zur Welt bringen, obwohl die PID erlaubt ist. Die schweren physischen und psychischen Belastungen von Frauen und die auf sie einwirkenden gesellschaftlichen Zwänge und Erwartungen werden dadurch bestimmt nicht kleiner. Nachfolgend die Rede von Biggi Bender, in der sich meine Haltung ziemlich genau wiederfindet. Birgitt Bender (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Herr Kollege Schweickert, Sie sprechen von der Verweigerung von Hilfe, wenn man die PID nicht zulasse. Der Kollege Hintze hat heute Morgen gefragt, ob „wir nicht zur Hilfe aufgefordert“ seien und deshalb die PID ermöglichen sollten. Auch ich will Ihnen dazu eine Geschichte erzählen. In meiner Stuttgarter Heimat gibt es eine Beratungsstelle, die Paaren im Schwangerschaftskonflikt nach Pränataldiagnostik beisteht. Die Beraterin hat von einem Paar berichtet, dem aufgrund einer erblichen Belastung geraten wurde, im Ausland eine PID vorzunehmen. Das hat es getan. Es hat kein Kind. Aufgrund der Hormonstimulation hat die Frau einen Eierstock verloren. Der zweite ist schwer beschädigt, sodass die Wahrscheinlichkeit, auf natürlichem Wege ein Kind zu bekommen, auf beinahe null gesunken ist. Die Frau ist völlig fertig und bereut, dass sie sich diesem Verfahren ausgesetzt hat. Deswegen, liebe Kolleginnen und Kollegen, Herr Hintze, ist das Hilfeversprechen, mit dem man suggeriert, man könne Paaren ein gesundes Kind sozusagen liefern, nichts anderes als der Wunschtraum von Technokraten. Die Lebenswirklichkeit sieht anders aus. Es ist doch so: Ein Paar, dem gesagt wird, dass es mit einer 25-prozentigen Wahrscheinlichkeit ein behindertes Kind bekommt, hat eine immerhin 75-prozentige Chance, ein gesundes Kind zu bekommen. Mit der PID Deutscher Bundestag, 17. Wahlperiode, 120. Sitzung, Berlin, den 7. Juli 2011 – 80 – Stenografischer Dienst – Nach § 117 GOBT autorisierte Fassung sinkt die Wahrscheinlichkeit, überhaupt ein Kind zu bekommen, auf unter 20 Prozent. Hinzu kommen das Risiko schwerwiegender Gesundheitsschäden - bis hin zum Tod - und das Trauma, wenn es dann doch wieder nicht geklappt hat; oder das Kind, das geboren wird, ist aus anderem Grund krank. Herr Hintze, Sie haben gesagt, die Emanzipation von der Natur sei angesagt. Als Mitglied einer ökologischen Partei finde ich das ohnehin befremdlich. Ich möchte Sie aber auch daran erinnern, dass die Emanzipation von der Natur ein alter sozialistischer Wunschtraum ist. Ich wundere mich, dass große Teile der Union auf diesem Weg unterwegs sind. Vielleicht wollen Sie das einmal überprüfen. Nicht jedes Argument, das in den letzten Wochen in den Debatten gefallen ist, ist reif für das Philosophische Kolloquium. Ich finde aber, auch solche Argumente gehören hierher. Mir ist in den letzten Wochen mehrmals die Frage gestellt worden, wie ich in folgendem Fall handeln würde: Das Krankenhaus brennt, und ich kann nur einen Menschen retten. Entscheide ich mich für die Petrischale oder für ein lebendiges Kind? Damit soll wohl gesagt werden, es könne eine Verantwortung für die 16-Zeller in der Petrischale nicht geben. Das sehe ich anders. Ich will Ihnen sagen, warum: weil diese Embryonen nicht durch Sex in die Petrischale gekommen sind und weil sie da Deutscher Bundestag, 17. Wahlperiode, 120. Sitzung, Berlin, den 7. Juli 2011 – 81 – Stenografischer Dienst – Nach § 117 GOBT autorisierte Fassung auch nicht aus irgendeinem großen Teich hingeschwommen sind, wie man Kindern früher den Akt der Zeugung zu erklären versucht hat, sondern weil diese Embryonen in einer Arztpraxis nach Hormonstimulation und operativer Eientnahme erzeugt worden sind, und zwar in größerer Zahl. Man braucht nämlich mindestens acht dafür. Diese Embryonen sind zu einem einzigen Zweck erzeugt worden, nämlich um ein Auswahlangebot zu schaffen, damit man die Auswahl zwischen gesunden und solchen, die wahrscheinlich krank oder behindert sein werden, hat. Frau Flach, nach Ihrem Gesetzentwurf soll es sogar möglich sein, dass ein Embryo aussortiert wird, der nur eine Anlage für eine Behinderung in sich trägt, aber selber die Chance hätte, zu einem gesunden Kind zu werden. Dazu muss ich Ihnen sagen: Eine solche Auswahl unterscheidet sich grundsätzlich von einer Abtreibung; denn da findet eine Abwägung statt. Bei der PID wird nur aussortiert, und das ist ein Verfahren, mit dem ich mich nicht abfinden kann. Da sehe ich die gesellschaftliche Verantwortung, das nicht zu ermöglichen. Frau Flach, Herr Hintze und all die anderen, die diesen Gesetzentwurf unterstützen, wenn man genau hinschaut, merkt man, dass Sie ein bestimmtes Unbehagen treibt. Sie reden zwar von der Freiheit der Paare und sagen, dass Deutscher Bundestag, 17. Wahlperiode, 120. Sitzung, Berlin, den 7. Juli 2011 – 82 – Stenografischer Dienst – Nach § 117 GOBT autorisierte Fassung man ihnen diese Möglichkeit nicht nehmen sollte. Sie trauen dieser Freiheit aber nicht; denn Sie schalten eine Ethikkommission dazwischen. Sie werden Ihre Gründe dafür haben. Sie trauen sich auch nicht, zu sagen, dass dieses Verfahren die Auswahl zwischen mindestens acht Embryonen bedeutet, dass man die Dreierregel des Embryonenschutzgesetzes ändern muss. Diese Dreierregel haben wir geschaffen, um die Entstehung überzähliger Embryonen, die man dann vernichten würde, zu verhindern. Warum schreiben Sie das nicht ins Gesetz? Weil Sie wissen, dass da viele Fragen entstehen. Eine Frage lautet: Was passiert mit überschüssigen Embryonen? Die sollen offenbar vernichtet werden. Man mag das für richtig halten. Ich will aber noch eine andere Frage aufwerfen. Frau Flach, Sie waren einmal forschungspolitische Sprecherin Ihrer Fraktion und kennen doch die Community. Glauben Sie wirklich, dass es, wenn es Embryonen gibt, die den Stempel „Du bist doch sowieso krank und wirst deswegen nicht implantiert“ tragen, nicht ein Interesse der Forscher geben wird? Glauben Sie nicht, dass die dann sagen werden: „Oh, da könnten wir doch mit embryonalem Material wunderbar forschen; denn die Embryonen werden sowieso nie gebraucht“? Welche Art von Debatten werden wir dann hier führen? Deutscher Bundestag, 17. Wahlperiode, 120. Sitzung, Berlin, den 7. Juli 2011 – 83 – Stenografischer Dienst – Nach § 117 GOBT autorisierte Fassung Falls Ihr Gesetzentwurf - was ich nicht hoffe - die Mehrheit bekommt, dann, glaube ich, werden wir Debatten haben, die wir alle nicht wollen. Deswegen, liebe Kolleginnen und Kollegen, bitte ich Sie, für ein Verbot der PID zu stimmen.

 

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